Langzeitbeobachtung zum Verhalten von Wasser als Basisvariable im Lebenszyklus handgemachter Aquarellfarbsysteme

Victoria Hilbrecht

Im gesamten Lebenszyklus handgemachter Aquarellfarben fungiert Wasser nicht nur als Verdünnungsmittel, sondern als eine durchgehende Umwelt- und Materialvariable, die von der Rohstoffanmischung über die natürliche Trocknung und feste Lagerung bis hin zur Aktivierung beim Malen und der Werkzeugpflege vorhanden ist. Von der ersten Bindemittelbildung bis zum finalen Farbauftrag auf Papier beeinflussen Schwankungen des Wassergehalts kontinuierlich die Formstabilität und das optische Erscheinungsbild der Farbe.

1. Die Rolle des Wassers in der Herstellungs- und Trocknungsphase

Wasser ist zu Beginn der Farbenherstellung direkt an der Ausbildung des Bindemittelsystems beteiligt. Seine Qualität und Dosierung sind entscheidend für die spätere Struktur der Farbe.

  • Einfluss von Wasserqualität und Grundmenge: Das zur Herstellung verwendete Wasser muss sauber gehalten werden, um das Einbringen von Schwebstoffen oder Fremdkörpern in die Rezeptur zu vermeiden. In der Anmischphase bestimmt die Kontrolle der Wassermenge direkt das Fließverhalten des Bindemittels und die Anlagerung an die Pigmentpartikel.
  • Hohe Wasserempfindlichkeit des Honig-Aquarellsystems: Das Honig-Aquarellsystem (inklusive Standard- und Leuchtfarben) reagiert äußerst empfindlich auf Veränderungen des Feuchtigkeitszustands. Das Bindemittel benötigt einen spezifischen Wassergehalt, um das Pigment stabil aufzunehmen. Ein Überschuss an Wasser verlängert die Phase der natürlichen Trocknung spürbar, erhöht das Risiko ungleichmäßiger Trocknung zwischen Außen- und Innenbereich und verzögert das Erreichen eines stabilen Festzustands.
  • Wasserverhalten bei Metall- und Chamäleon-Systemen: Metall- und Chamäleon-Aquarellsysteme besitzen aufgrund ihrer größeren Pigmentpartikel eine vergleichsweise schnelle Trocknungsrate und zeigen daher eine höhere Toleranz gegenüber Wassermengenschwankungen. In diesem System dient das Wasser hauptsächlich dazu, das Konzentrationsgleichgewicht des Gummi Arabicums zu steuern, um die spätere Anlösbarkeit der getrockneten Farbe zu gewährleisten.
  • Reinigung der Herstellwerkzeuge: Wasser ist zudem ein zentrales Medium zur Reinigung der Herstellungsgeräte. Während der Produktion sowie beim Wechsel von Farbtönen müssen die Behältnisse zum Mischen von Pulver und Bindemittel, Rührwerkzeuge, Anreibewerkzeuge und Aufbewahrungsbehälter gründlich mit Wasser gereinigt werden, um Verunreinigungen durch Pigmentrückstände aus vorherigen Arbeitsschritten zu verhindern.

2. Wasserwechselwirkung beim Aushärten und beim erneuten Anlösen

Nach der natürlichen Trocknung entweicht das Wasser schrittweise aus dem System. Bei der Verwendung ist die erneute Zugabe von Wasser die notwendige Voraussetzung, um die feste Farbe zu aktivieren.

  • Wasseraustritt bei Trocknung und erneute Wasserzugabe: Der Aushärtungsprozess stellt das schrittweise Entweichen von Feuchtigkeit aus dem Farbsystem dar. Beim Malen greift Wasser erneut in das System ein und führt das Material aus dem ruhenden Festzustand zurück in einen vermalbaren, flüssigen Zustand.
  • Einschränkung der Aktivierung bei zu wenig Wasser: Wird beim Anlösen zu wenig Wasser aufgenommen, löst sich die feste Farbe nicht ausreichend an. Dies führt zu erschwerter Farbaufnahme, einem trockenen, rauem Strich mit spürbarer Partikelstruktur beim Auftrag sowie einer verminderten Vermalbarkeit auf dem Papier.
  • Veränderung des Erscheinungsbildes bei Überdosierung von Wasser: Wird beim Anmischen zu viel Wasser hinzugefügt, verringert sich die Pigmentkonzentration pro Fläche. Dies kann dazu führen, dass die Farbe auf dem Papier in ihrer Helligkeit und Sättigung abfällt, heller wirkt oder einen leicht grauen Farbeindruck zeigt.

3. Wasserkontrolle bei der Malanwendung und Pinselpflege

Auch beim Malprozess und der anschließenden Reinigung bleibt Wasser als gestaltende Variable an der Materialwirkung beteiligt.

  • Wassergehalt im Pinsel und Malverhalten: Das im Pinsel gehaltene Wasser verändert direkt das Materialverhältnis zwischen Malschale und Papier. Unterschiedliche Maltechniken erfordern unterschiedliche Feuchtigkeitsmengen, was sich direkt auf die Ausfaltung der Farbränder und die Schichtdicke auf dem Papier auswirkt.
  • Reinigung von Pinseln: Beim Auswaschen des Pinsels sorgt eine ausreichende Menge sauberen Wassers dafür, dass Pigment- und Bindemittelreste aus dem Pinselkörper entfernt werden. Dies verhindert eine ungewollte Farbverschleppung beim Wechsel des Farbtons und bewahrt die Reinheit des nachfolgenden Farbauftrags.

4. Zusammenfassung und Beobachtungsgrenzen

Wirkung und Funktion des Wassers ziehen sich durch die gesamte Kette: Wasserauswahl → Bindemittelanmischung → Pigmentbindung → Reinigung der Herstellwerkzeuge → Trocknung und Aushärtung → Lagerung im Festzustand → Anlösen mit Wasser → Erscheinungsbild auf Papier → Pinselreinigung.

Die einzelnen Farbsysteme reagieren unterschiedlich auf Feuchtigkeit: Das Honig-Aquarellsystem reagiert aufgrund seiner langsamen Trocknung sehr empfindlich auf einen Wasserüberschuss, während Metall- und Chamäleon-Systeme Wasser hauptsächlich zur Regulierung der Gummi-Arabicum-Konzentration benötigen. In der Anwendung bestimmt die zugeführte Wassermenge den Anlösungsgrad und die optische Ausprägung der Farbschicht. Wasser wirkt dabei stets zusammen mit den Pigmenteigenschaften, der Bindemittelrezeptur und den Umgebungsbedingungen auf das finale Materialverhalten ein.

Videomaterial zu einzelnen Schritten der Herstellung handgemachter Aquarellfarben und zum Verhalten der Pigmente ist bei VHacademy hinterlegt (einem unabhängigen Projekt zur Erforschung von Materialverhalten mit kostenpflichtigem Zugang).

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