Der menschliche Einflussfaktor und wahrnehmbare Entscheidungsabläufe bei der Herstellung handgemachter Aquarellfarben

Victoria Hilbrecht

In der Entwicklung und Herstellung von Aquarellfarben werden meist die naturgegebenen Eigenschaften der Materialien sowie Umweltbedingungen (wie Temperatur und Luftfeuchtigkeit) als Hauptvariablen diskutiert. Handgemachte Aquarellfarben sind jedoch kein Produkt, das durch bloßes Zusammenfügen von Stoffen von selbst entsteht. Von der Rohstoffauswahl über die Rezepturentwicklung und Prozesssteuerung bis hin zur späteren Pflege und Informationsarchivierung trifft der Bearbeiter während des gesamten Materiallebenszyklus kontinuierlich Beobachtungen, Beurteilungen und Entscheidungen. Das menschliche Eingreifen stellt somit eine zentrale Variable dar, die gemeinsam mit den Material- und Umweltfaktoren den endgültigen Zustand der Farbe bestimmt.

1. Menschliche Beurteilungen vor der Materialverarbeitung

Bevor ein Rohstoff in das Farbsystem aufgenommen wird, durchläuft er eine Bewertung und Auswahl durch den Bearbeiter:

  • Erkennung und Auswahl von Pigmenteigenschaften: Auf dem Markt existiert eine Vielzahl farbgebender Substanzen, darunter Standardpigmente, Pigmente für Lebensmittel, Industriekunststoffe oder Kosmetika sowie flüssige Farbstoffe. Nicht jeder Farbstoff eignet sich für Aquarellfarben. Durch Beobachtung und praktische Tests prüft der Bearbeiter die Bindungsfähigkeit und Stabilität der Pigmente, um zu entscheiden, welche Stoffe übernommen und welche ausgeschlossen werden.
  • Entwicklung und Abstimmung des Bindemittelsystems: Ein Bindemittel ist kein starres Standardprodukt. Abhängig von den Eigenschaften des jeweiligen Pigments wählt der Bearbeiter die Grundkomponenten aus, bestimmt erforderliche Maßnahmen zur Haltbarkeit oder Stabilität (etwa durch pflanzliche Zusätze oder spezifische Hilfsstoffe) und legt das genaue Mischungsverhältnis fest.
  • Gezielte Steuerung der Wassermenge: Wasser dient als wesentliches Trägermedium. Die zugegebene Menge beeinflusst direkt die Fließfähigkeit und Durchmischung des Systems. Die Dosierung basiert vollständig auf der direkten Beobachtung und Anpassung während des Anmischens.

2. Eingriffe während der Herstellung und Verarbeitung

Beim Zusammenführen von Pigment und Bindemittel sowie in den darauffolgenden Verarbeitungsschritten steuert der Bearbeiter den Zustand des Materials durch gezielte Beobachtungen:

  • Beurteilung des Bindungszustands und Nachbearbeitung: Nach dem Vermischen von Pigment und Bindemittel wird geprüft, ob eine vollständige Verbindung vorliegt oder ob ungebundenes Pulver verbleibt. Darauf aufbauend wird entschieden, ob ein intensiveres Anreiben, eine längere Mischzeit oder ein Wechsel des Werkzeugs erforderlich ist.
  • Werkzeugauswahl und Arbeitsanpassung: Unterschiedliche Materialzustände erfordern passende Werkzeuge zum Reiben und Rühren. Werkzeuge agieren nicht eigenständig; ihre Auswahl und der Intensitätsgrad der Nutzung richten sich nach der Einschätzung des aktuellen Materialzustands.
  • Portioniertes Einfüllen und Festlegung von Trocknungsphasen: Das Einfüllen in Näpfchen oder Tuben erfolgt nicht nach einem starren Zeitplan. Die Menge pro Durchgang, die Wartezeiten zwischen den Schichten und der Härtegrad des Materials werden jeweils auf Basis des tatsächlichen Trocknungsfortschritts beurteilt.

3. Erkennung von Abweichungen und Entscheidungen zur Nachbearbeitung

Während der Herstellung und der ersten Ruhephasen können Gefüge- oder Formabweichungen auftreten, deren Handhabung eine Einordnung erfordert:

  • Beobachtung typischer Abweichungen: Im Materialverlauf können Phänomene wie verstärkte Blasenbildung, Klumpenbildung, die Trennung von Pigment und Bindemittel, hartes Absetzen des Pigments am Boden oder unerwünschte Veränderungen im Material auftreten.
  • Prüfung der Nachbearbeitbarkeit: Abhängig vom Farbton und den Pigmenteigenschaften wird bewertet, ob eine Abweichung korrigierbar ist. So wird etwa geprüft, ob verklumpte Massen wieder verflüssigt werden können oder ob Rezepturabweichungen nachjustierbar sind. Da sich unterschiedliche Pigmente verschieden verhalten, erfordert jeder Fall eine eigene Entscheidung.
  • Behebung innerer Hohlräume: Treten beim Trocknen und Aushärten Hohlräume oder ungleichmäßige Strukturen im Inneren auf, werden diese durch visuelle Kontrolle erfasst und durch Auffüllen oder Überarbeiten korrigiert.

4. Spätere Pflege, Stabilitätsprüfung und Dokumentation

Nach Fertigstellung der Farbe verlagert sich die menschliche Aufgabe auf die langfristige Beobachtung und Datenverwaltung:

  • Stabilitätsprüfung und Verkaufsfreigabe: Bevor eine Farbe verwendet oder abgegeben werden kann, wird geprüft, ob sie vollständig durchgetrocknet und ausgehärtet ist, um den Belastungen von Transport und Lagerung standzuhalten.
  • Festlegung von Langzeit-Lagerbedingungen: Um Rissbildung, Ausflocken oder unerwünschtes Verkleben nach erneuter Anfeuchtung zu vermeiden, werden auf Basis von Langzeitbeobachtungen passende Lagerempfehlungen für die verschiedenen Rezepturen erarbeitet.
  • Erfassung und Archivierung von Materialdaten: Während der fortlaufenden Herstellung werden Beobachtungen zu Pigmenteigenschaften, Rezepturdaten, Korrekturmaßnahmen und Bildmaterial systematisch erfasst und archiviert, um ein nachvollziehbares Erfahrungswissen aufzubauen.

5. Zusammenfassung

Die Entstehung handgemachter Aquarellfarben ist das Ergebnis des kontinuierlichen Zusammenspiels von Materialeigenschaften, Umweltbedingungen und menschlichen Entscheidungen. Das Material gibt den äußeren Rahmen vor, die Umwelt beeinflusst die Geschwindigkeit von Veränderungen, und die Beurteilungen des Bearbeiters bestimmen, wie die Rohstoffe kombiniert, verarbeitet, korrigiert und aufbewahrt werden. Der Mensch ist somit kein außenstehender Beobachter, sondern ein fester Bestimmungsfaktor im gesamten Lebenszyklus der Farbe.

Videodokumentationen zu einzelnen Schritten der Herstellung sowie zum Verhalten von Pigmenten finden sich im Archiv von VHacademy (einem eigenständigen Forschungsprojekt zum Materialverhalten mit kostenpflichtigem Zugang).

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