Langzeitbeobachtung zu Geruchseigenschaften und wahrnehmbarem Verhalten in handgemachten Aquarellfarbsystemen
Victoria HilbrechtIn der klassischen Beobachtung von Aquarellfarben stehen visuelle Merkmale wie Farbsättigung, Transparenz und Partikelverteilung sowie das Materialverhalten wie Trocknungsgeschwindigkeit und Anlösbarkeit meist im Mittelpunkt. Im Vergleich dazu wird der Geruch als eigenständige, materialeigene Eigenschaft seltener isoliert erfasst. Bei handgemachten Farben aus natürlichen Bindemitteln, verschiedenen Pigmenten und Hilfsstoffen begleitet der Geruch jedoch den gesamten Prozess von der Rohstoffvorbereitung über die Vermischung und Langzeitlagerung bis hin zum finalen Farbauftrag und stellt ein objektiv vorhandenes, direkt wahrnehmbares Merkmal dar.
1. Eigenmodellierte Geruchseigenschaften der Rohstoffe
Die einzelnen Grundstoffe, aus denen handgemachte Aquarellfarben bestehen, bringen jeweils eigene Geruchsausprägungen mit:
- Pigmente: Der Geruch verschiedener Pigmentpulver unterscheidet sich deutlich. Manche Pigmente weisen nahezu keinen wahrnehmbaren Geruch auf; andere besitzen einen leichten Materialgeruch; wieder andere zeigen einen recht intensiven Geruch. Diese Geruchsintensität ist eine reine Materialeigenschaft der Pigmentpartikel selbst und steht in keinem direkten Zusammenhang mit der Farbkraft, der Farbreinheit oder der visuellen Qualität auf dem Papier.
- Gummi Arabicum (Hauptbindemittel): Als Rohstoff pflanzlichen Ursprungs bringt Gummi Arabicum einen typischen Eigengeruch mit. Verschiedene Chargen von Gummi Arabicum können sich in der Geruchsintensität unterscheiden; manche Chargen riechen ausgeprägter, andere verhalten sich geruchlich ruhiger. Die Geruchsintensität gibt keinen direkten Aufschluss über die Bindekraft des Harzes.
- Honig: Honig dient im Bindemittelsystem als Feuchthaltemittel und bewahrt den Geruch seiner natürlichen Trachtquelle. Je nach Bienenweide und Erntecharge unterscheidet sich das Geruchsbild und wird nach der Zugabe Teil des Gesamtgeruchs der Rezeptur.
- Nelkenöl: Als Hilfsstoff besitzt Nelkenöl einen sehr intensiven, leicht wiedererkennbaren und charakteristischen Geruch. Bereits in sehr geringer Dosierung lässt sich dieser im Gesamtsystem deutlich wahrnehmen.
- Wasser: Frisches, sauberes Wasser aus der Herstellungsumgebung weist in der Regel keinen wahrnehmbaren Eigengeruch auf und bildet keine Geruchsquelle im Farbsystem.
2. Geruchsentwicklung beim Mischen und während der Langzeitlagerung
Sobald die verschiedenen Rohstoffe in einem einheitlichen Rezeptursystem zusammengeführt werden, entspricht der Gesamtgeruch nicht zwingend einer einfachen Summe der Einzelkomponenten, sondern zeigt stufenweise Veränderungen:
- Ausbildung des Gesamtgeruchs beim Mischen: Nach dem Vermischen von Pigmenten, Gummi Arabicum, Honig und Nelkenöl können einzelne Gerüche überdeckt werden, während andere Komponenten (wie Nelkenöl oder spezifische Pigmente) deutlicher hervortreten und den spezifischen Gesamtgeruch dieser Farbformulierung bilden.
- Geruchsveränderungen bei langer Lagerung: Nachdem die Farbe abgefüllt, ausgetrocknet und über längere Zeit gelagert wird, verändert sich der Materialzustand weiter. In Langzeitbeobachtungen lässt sich feststellen, dass die Geruchsintensität mancher Farben im Laufe der Lagerung abnimmt, während bei anderen Farben neue Geruchseindrücke entstehen können, die in der Anfangsphase nicht vorhanden waren. An dieser Stelle wird lediglich das wahrnehmbare Phänomen dokumentiert, ohne Vermutungen über ungeprüfte innere Abläufe anzustellen.
3. Trennung zwischen Geruchswahrnehmung und visueller Malleistung
Beim Malen und im fertigen Werk sind Geruch und visuelle Erscheinung zwei völlig getrennte Wahrnehmungsebenen:
- Unabhängigkeit von Geruchssinn und visueller Wirkung: Beim Anlösen und Vermalen der Farbe kann der Anwender leichte oder deutliche Materialgerüche wahrnehmen. Die langfristige Malpraxis und Beobachtung zeigen jedoch, dass das Vorhandensein oder die Intensität eines Geruchs das Vermalungsverhalten auf dem Papier, die Deckkraft, die Transparenz und das optische Endergebnis nicht in beobachtbarer Weise beeinflusst.
- Einordnung von Beurteilungsgrenzen: Die Geruchsintensität eignet sich nicht als Maßstab zur Qualitätsbeurteilung von Aquarellfarben. Ein deutlicher Geruch deutet nicht auf einen Materialfehler hin, genauso wenig wie ein schwacher Geruch automatisch eine höhere visuelle Qualität garantiert.
4. Zusammenfassung
Der Geruch ist ein eigenständiges, wahrnehmbares und sich im Laufe der Zeit veränderndes Merkmal im Materialsystem handgemachter Aquarellfarben. Betrachtet man den Gesamtweg – Eigengeruch der Rohstoffe → Gesamtgeruch beim Mischen → Geruchsveränderung bei Lagerung → Wahrnehmung beim Malen –, wird deutlich, dass Geruchseindruck und visuelle Malleistung unterschiedlichen Beobachtungsebenen angehören. Die sachliche Erfassung dieser Geruchsveränderungen trägt zu einer vollständigen Materialdokumentation bei.
Einblick in ausgewählte Schritte der Herstellung handgemachter Aquarellfarben sowie in das Verhalten von Pigmenten bietet das Videomaterial von VHacademy (einem eigenständigen Forschungsprojekt zum Materialverhalten mit kostenpflichtigem Zugang).