Das Variablensystem der Pigmentreibung bei der Aquarellherstellung

Victoria Hilbrecht

Bei der manuellen Herstellung von Aquarellfarben ist das Reiben (Anreiben) der Pigmente kein fixer Schritt, den jedes Pigment zwangsläufig durchlaufen muss. Es handelt sich vielmehr um eine veränderliche Verarbeitungsvariable, die von den Eigenschaften des Pigments, der Materialzusammensetzung und dem Bindungszustand mit dem Bindemittel abhängt.

Anreibeprozess von Pigmentpulver und Bindemittel mit einem Läufer auf einer Glasplatte

1. Beurteilungskriterien für den Reibebedarf

  • Bindungszustand zwischen Pigment und Bindemittel: Einige Pigmente lassen sich direkt in das flüssige Bindemittel integrieren. Wenn auf der Oberfläche des flüssigen Systems weiterhin deutliche pulverförmige Bestandteile sichtbar sind, zeigt dies eine unzureichende Verbindung an. In diesem Fall ist das Anreiben eine der Optionen für die nachfolgende Materialverarbeitung.
  • Ursprünglicher Partikelzustand des Pigments: Liegt das Pigment zu Beginn in deutlicher Blockform oder aggregiertem Zustand vor, ist ein Reibeprozess erforderlich, um die Partikelform zu verbessern. Liegt es bereits als geeignetes Feinpulver vor, unterscheidet sich die Verarbeitungslogik.
  • Einwirkung des Bindemittelsystems: Dasselbe Pigment zeigt in unterschiedlichen Bindemittelsystemen abweichende Dispergier- und Bindungszustände. Die Beurteilung des Reibebedarfs muss stets die Pigmenteigenschaften, den ursprünglichen Partikelzustand und die Zusammensetzung des Bindemittels gemeinsam berücksichtigen.
Unterschiedliche Pigment- und Bindemittelmischungen auf der Anreibeplatte

2. Unterschiede im Reibebedarf verschiedener Farbreihen

  • Honig-Aquarellreihe: Einige gewöhnliche Aquarellpigmente weisen einen deutlichen Reibebedarf auf. Innerhalb derselben Reihe bestehen jedoch individuelle Unterschiede. Einige Farben erfordern ein Anreiben, einige eine längere Reibedauer, und einige müssen nach dem Reiben zusätzlich ruhen, um beobachtet zu werden.
  • Metallikfarben: Diese besitzen meist größere Partikelstrukturen und eine gute Wasserkonsistenz. Das Anreiben ist hier keine primäre Verarbeitungsvariable. Relevante Materialphänomene zeigen sich eher bei längerer Ruhezeit, wenn sich Pigment und Bindemittel trennen. Durch erneutes Vermischen lässt sich der gleichmäßige flüssige Zustand wiederherstellen.
  • Chamäleonfarben: Diese weisen deutliche Partikelcharakteristika auf und benötigen in der Regel nicht das gleiche Ausmaß an Reibung wie gewöhnliche Aquarellpigmente. Ihr Zustand hängt stärker von den Partikeln selbst und der Trennung nach dem Ruhen ab. Nach einer Phasentrennung werden sie ebenfalls durch erneutes Vermischen wieder homogen.
  • Fluoreszenzfarben: Innerhalb dieser Reihe bestehen deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Pigmenten. Einige erfordern ein Anreiben, andere benötigen keine vergleichbare Behandlung. Sie können nicht als einheitliches System betrachtet werden.
Manuelle Verarbeitung von Pigmenten mit unterschiedlicher Reibeintensität

3. Kontinuität von Reibedauer und Reibeintensität

Es gibt keine einheitliche oder feste Reibedauer, die pauschal angewendet werden kann. Die Behandlungsintensität stellt einen kontinuierlichen Materialzustand dar:

  • Kein deutliches Anreiben erforderlich;
  • Gewisses Ausmaß an Anreiben erforderlich;
  • Längere Reibedauer erforderlich;
  • Ruhenlassen nach dem Reiben zur Beobachtung erforderlich (Beobachtung von Sedimentation oder Materialneuverteilung);
  • Hauptsächliche Ausrichtung auf gründliches Vermischen statt Reiben;
  • Erneutes Vermischen nach längerer Ruhezeit erforderlich.
Beobachtung der Materialverteilung und Konsistenz während des Reibeprozesses

4. Verhältnis zwischen Reibung und Qualitätseinschätzung

  • Keine Beurteilung über die Endfarbe: Visuell ähnliche Farben oder Farben derselben Reihe können völlig unterschiedliche Partikel- und Bindungszustände aufweisen. Der Reibebedarf kann nicht allein anhand des optischen Endergebnisses beurteilt werden.
  • Kein alleiniges Kriterium für Qualität: Eine längere Reibedauer bedeutet nicht zwangsläufig ein besseres Material; das Auslassen des Reibeprozesses bedeutet keineswegs eine unvollständige Herstellung. Der angemessene Verarbeitungszustand unterscheidet sich von Pigment zu Pigment.
Prüfung der fertigen Farbmasse mit einem Spatel zur Materialbeurteilung

5. Bildarchivierung des Reibeprozesses

Teile der Reibeprozesse und der jeweiligen Materialzustände werden als Bild- und Videomaterial dokumentiert. Diese Aufnahmen dienen nicht als Anleitung, Tutorial oder technische Anweisung bezüglich Werkzeugen, Dauer oder Schritten. Sie dienen ausschließlich der Sicherung des tatsächlichen Zustands eines bestimmten Pigments unter den jeweiligen Bedingungen als langfristiges Referenzarchiv.

Das entsprechende Video- und Bildmaterial wird im Pigmentverhaltensarchiv von VHacademy als unabhängiges Archivprojekt mit kostenpflichtigem Zugang aufbewahrt und gepflegt.

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