Langzeitbeobachtungen zum Einfluss der Luftfeuchtigkeit auf handgemachte Aquarellfarbsysteme
Victoria HilbrechtIn den Langzeitaufzeichnungen zu handgemachten Aquarellfarbsystemen stellt die Luftfeuchtigkeit eine durchgehende Umweltvariable dar. Im Gegensatz zur Temperatur lässt sich die Luftfeuchtigkeit meist nicht direkt wahrnehmen. Sie ist jedoch im gesamten Jahresverlauf präsent und beeinflusst die unterschiedlichen Phasen von der Herstellung über die natürliche Trocknung und Aushärtung bis hin zur späteren Lagerung und Anwendung.
Langzeitbeobachtungen zeigen, dass die Luftfeuchtigkeit nicht auf alle Farbmittel in gleicher Weise wirkt. Die Reaktionen unterscheiden sich je nach Bindemittelsystem und Pigmentkombination deutlich. Daher lässt sich die Luftfeuchtigkeit nicht als einheitlicher Standardparameter für alle Farben ansetzen.
1. Materialverhalten während der natürlichen Trocknungsphase
Nach dem Anmischen handgemachter Aquarellfarben geben diese unter natürlichen Umgebungsbedingungen schrittweise Feuchtigkeit ab, bis ein relativ stabiler fester Zustand erreicht ist. Die Höhe der Umgebungsluftfeuchtigkeit verändert dabei direkt die Bedingungen für die Feuchtigkeitsabgabe an die Raumluft.
- Verlangsamte Trocknung bei hoher Luftfeuchtigkeit: Bei erhöhter Luftfeuchtigkeit verändert sich das Aufnahmevermögen der Umgebungsluft für Feuchtigkeit, wodurch sich der Trocknungsprozess der Farben spürbar verlangsamt. Bei Farbmischungen, die von Natur aus langsamer trocknen, kann hoher Feuchtigkeitsgehalt den Bildungsprozess erheblich verlängern. Die Oberfläche bildet unter diesen Bedingungen zwar nach und nach eine feste Schicht, der Kern benötigt jedoch deutlich mehr Zeit, um einen stabilen Zustand zu erreichen. Bestimmte Pigment-Bindemittel-Kombinationen zeigen dabei die Tendenz, über einen längeren Zeitraum weich oder leicht anlösbar zu bleiben.
- Unterschiedliche Trocknungsgeschwindigkeiten bei geringer Luftfeuchtigkeit: In sehr trockener Umgebung verdunstet die Feuchtigkeit an der Farboberfläche beschleunigt, sodass sich rasch eine feste Außenschicht bilden kann. Da die innere Feuchtigkeit jedoch weiterhin nach außen weichen muss, führt das schnelle Aushärten der Oberfläche zu unterschiedlichen Trocknungsgeschwindigkeiten zwischen Außen- und Innenschicht. Bei einzelnen Farbtönen zeigt sich dieses Verhalten in Form von inneren Hohlräumen.
2. Empfindlichkeitsunterschiede verschiedener Farbsysteme
Die Aufzeichnungen dokumentieren, dass das Bindemittelsystem den Grundgrad der Umweltempfindlichkeit bestimmt, während das jeweilige Pigment die konkrete Erscheinungsform der Materialreaktion beeinflusst.
- Honig-Aquarellsysteme: Unter allen getesteten Systemen reagiert das Honig-Aquarellsystem am deutlichsten auf Schwankungen der Luftfeuchtigkeit. Farben auf Basis dieses Bindemittels zeigen eine höhere Anfälligkeit gegenüber Feuchtigkeitsveränderungen. Dennoch behalten unterschiedliche Pigmente ihre Eigenheiten bei, sodass nicht jeder Farbton exakt dieselben Veränderungen aufweist.
- Metall- und Chamäleon-Aquarellsysteme: Im Vergleich dazu weisen Metall- und Chamäleon-Aquarellsysteme eine geringere Feuchtigkeitsempfindlichkeit auf. Bei hoher Luftfeuchtigkeit verzögert sich deren Trocknung nur geringfügig, bei niedriger Luftfeuchtigkeit beschleunigt sie sich leicht. In den Langzeitbeobachtungen traten bei diesen Systemen keine gehäuften inneren Hohlräume auf, die eine Nachbearbeitung erfordert hätten; das Materialverhältnis blieb weitgehend stabil.
3. Dauerhafte Einflüsse auf Aushärtung und Mikroklima bei der Lagerung
Der Einfluss der Luftfeuchtigkeit beschränkt sich nicht auf den Zeitrahmen der Trocknung, sondern betrifft auch den finalen Aushärtungsgrad sowie die spätere Lagerung.
Bleibt die Umgebung über längere Zeit sehr feucht, erreichen manche Farbtöne des Honig-Aquarellsystems nur schwer einen vollständig durchgehärteten Zustand. Sie verbleiben dadurch in einem Zustand, in dem sie leicht durch Wasser wieder anlösbar sind. Tritt bei bereits ausgehärteten Farben ein plötzlicher Anstieg der Feuchtigkeit auf, kann die Farbe an der Oberfläche wieder weich werden oder zum Verkleben neigen.
Auch im praktischen Malbetrieb bildet das Innere eines Farbkastens ein eigenes Mikroklima. Bleibt der Farbkasten über längere Zeit in feuchtem Zustand geschlossen, kann dies zum Feuchtwerden, Erweichen oder erneuten Anlösen der Farben führen. Unter spezifischen Bedingungen besteht zudem das Risiko von Schimmelbildung. Bezüglich möglicher Schimmelerscheinungen werden hier ausschließlich die visuell wahrnehmbaren äußeren Risiken in feuchter Umgebung erfasst. Konkrete Mikrobiologie oder Entstehungsprozesse sind nicht Bestandteil visueller Materialbeobachtungen.
4. Zusammenfassung und Beobachtungsgrenzen
Die Wirkung der Umgebungsluftfeuchtigkeit betrifft stets das Gesamtsystem aus Pigment, Bindemittel, Wassergehalt, Raumluft und Aufbewahrungsbehälter. Temperatur und Luftfeuchtigkeit sind in der Materialdokumentation als zwei getrennte Variablen zu betrachten: Hohe Temperaturen können die Trocknung beschleunigen, hohe Luftfeuchtigkeit verlangsamt sie. Hohe Temperaturen bei gleichzeitig niedriger Luftfeuchtigkeit begünstigen ein zu schnelles Antrocknen der Oberfläche, während niedrige Temperaturen gepaart mit hoher Luftfeuchtigkeit zu sehr schleppenden Trocknungsverläufen führen.
Luftfeuchtigkeit verändert nicht die grundsätzliche Materialkategorie, sondern den Zeitrahmen und die Erscheinungsform des Übergangs von einem Zustand in den anderen. Für eine langfristige Aufbewahrung erweist sich eine relativ stabile, nicht übermäßig feuchte Umgebung als förderlich für die Formstabilität handgemachter Aquarellfarben (insbesondere beim Honig-Aquarellsystem).
Videoaufnahmen zu Teilprozessen der Herstellung handgemachter Aquarellfarben und zum Verhalten der Pigmente sind bei VHacademy archiviert (einem unabhängigen Projekt zur Erforschung von Materialverhalten mit kostenpflichtigem Zugang).