Einfluss von Jahreszeiten auf den Herstellungsprozess und den Trocknungsverlauf handgemachter Aquarellfarben: Eine Langzeitbeobachtung
Victoria HilbrechtIn der Herstellung handgemachter Aquarellfarbsysteme befindet sich der gesamte Prozess – vom Anmischen der Rohstoffe über das Abfüllen und die natürliche Trocknung bis hin zur finalen Formstabilität – unter dem Einfluss offener Umgebungsbedingungen. Langzeitbeobachtungen, Nachverfolgungen sowie parallele Vergleiche verschiedener Farbsysteme unter den geografischen Bedingungen in Deutschland zeigen, dass die durch den Jahreszeitenwechsel verursachten Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsschwankungen bedeutende Umweltvariablen für den Trocknungsverlauf und den Herstellungsrhythmus darstellen.
Unter allen Schritten des Herstellungsprozesses wirken sich jahreszeitliche Einflüsse am stärksten auf die Abfüllung und die Phase der natürlichen Trocknung aus.
1. Differenzierte Auswirkungen der Jahreszeiten auf verschiedene Bindemittelsysteme
Die Reaktionen auf jahreszeitliche Umweltveränderungen unterscheiden sich je nach Bindemittelrezeptur und Pigmentkombination spürbar.
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Honig-Aquarellsysteme (inklusive Standard- und Leuchtfarben): Das Honig-Aquarellsystem (welches bei Standard-Aquarellfarben und den darauf aufbauenden Leuchtfarben auf derselben Bindemittelbasis beruht) zeigt die höchste Empfindlichkeit gegenüber jahreszeitlichen Schwankungen.
- Starke Trocknungsphasen (Sommer sowie Übergang Sommer/Herbst): In Zeiträumen mit hoher Umgebungstemperatur und vergleichsweise geringer Luftfeuchtigkeit beschleunigt sich die natürliche Trocknung dieses Systems deutlich. Die Feuchtigkeit an der Farboberfläche verdunstet rasch, sodass sich vorzeitig eine getrocknete Außenschicht bildet, während das innere Material noch einen hohen Wassergehalt aufweist.
- Erscheinungsform der Materialstruktur: Diese zeitliche Abweichung zwischen der Trocknung der Außenschicht und des Kerns führt dazu, dass im Inneren der Farbe Bereiche mit geringerer Dichte oder Hohlräume entstehen. Solche Phänomene treten in den heißesten und trockensten Sommerabschnitten sowie in anhaltend warmen Übergangsphasen zum Herbst mit höherer Wahrscheinlichkeit auf.
- Unterschiedliche Pigmentempfindlichkeit: Das Auftreten innerer Hohlräume verteilt sich nicht gleichmäßig auf alle Farbtöne. Die strukturellen Eigenschaften der einzelnen Pigmentpartikel bestimmen deren Reaktion auf Umweltveränderungen: Manche Pigmente reagieren hochsensibel auf heiße, trockene Luft und zeigen eine höhere Hohlraumrate; andere behalten eine vergleichsweise stabile Trocknungsform bei.
- Notwendigkeit manueller Überprüfung: Eine rasch ausgehärtete Oberfläche bedeutet nicht automatisch ein vollkommen stabiles Inneres. In solchen Jahreszeiten erfordert der Prozess häufigere manuelle Kontrollen und korrigierende Eingriffe, um Strukturfehler durch innere Hohlräume und spätere Nachbearbeitungen zu vermeiden.
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Metall- und Chamäleon-Aquarellsysteme: Im Vergleich zum Honig-Aquarellsystem weisen Metall- und Chamäleon-Aquarellsysteme in den mehrjährigen Aufzeichnungen eine höhere Umweltstabilität auf.
- Veränderungen des Trocknungsrhythmus: Im Sommer sowie in warmen, trockenen Phasen beschleunigt sich die Trocknung auch bei diesen Systemen, was den Herstellungszeitraum verkürzt; in kühlen oder feuchten Perioden verlangsamt sich der Prozess entsprechend.
- Strukturelle Stabilität: Obwohl sich die Trocknungsgeschwindigkeit mit der Umgebung verändert, wurden bei diesen Systemen in keiner Jahreszeit gehäufte innere Hohlräume oder auffällige Abweichungen durch zu schnelles Trocknen beobachtet. Die Geschwindigkeitsänderung betrifft lediglich die Zeitdauer der Herstellung; ein negativer Zusammenhang mit der finalen Formstabilität des Endprodukts ließ sich nicht feststellen.
2. Etappenweise Trocknungsmerkmale im Verlauf der Jahreszeiten
Der Einfluss des Jahreszeitenwechsels auf die Materialbildung verläuft kontinuierlich und schrittweise:
- Frühling: Die Umgebung geht allmählich von niedrigen zu höheren Temperaturen über. Temperatur und Luftfeuchtigkeit schwanken häufiger, wodurch sich die Trocknungsgeschwindigkeit der Farben je nach täglicher oder wöchentlicher Wetterlage stufenweise anpasst.
- Sommer und Übergang Sommer/Herbst: Anhaltend hohe Temperaturen und geringe Feuchtigkeit bilden eine Phase beschleunigter Trocknung. Die zeitliche Verschiebung zwischen schneller Oberflächenhärtung und im Kern zurückbleibender Feuchtigkeit erreicht ihren Höchstwert. Dies bildet das Hauptbeobachtungsfenster für innere Dichteabweichungen beim Honigsystem.
- Herbst: Die Umgebung geht insgesamt zu niedrigeren Temperaturen über. In Spätsommer- und Frühherbstphasen können jedoch noch kurzzeitig hohe Temperaturen und trockene Luft auftreten, sodass Unterschiede in der Außen- und Innentrocknung des Honigsystems auch hier dokumentiert sind.
- Winter: Die Umgebungstemperatur sinkt insgesamt ab, wodurch sich die natürliche Verdunstungsrate verlangsamt und der Herstellungszeitraum spürbar verlängert. Das längere Trocknungsfenster ermöglicht ein gleichmäßigeres Entweichen der Feuchtigkeit, erhöht jedoch den zeitlichen Gesamtaufwand.
3. Umweltvariablen in Bezug auf Arbeitsabläufe und Materialarchive
Der Wechsel der Jahreszeiten verändert die zeitlichen Rahmenbedingungen und Umweltfaktoren während der natürlichen Materialwerdung.
- Orientierung für Arbeitsabläufe: Aufgrund der unterschiedlichen Systemreaktionen in den einzelnen Jahreszeiten lässt sich die zeitliche Einteilung für das Abfüllen bestimmter Farbsysteme und Pigmente an die klimatischen Merkmale des Jahresverlaufs anpassen. Dies verringert das Risiko innerer Strukturfehler durch ungleichmäßige Trocknung und reduziert den Aufwand für spätere Korrekturen.
- Aufbau von Materialarchiven: Die langfristige Gegenüberstellung von Trocknungsdaten aus spezifischen Umgebungsbedingungen (wie dem Klima in Deutschland), verschiedenen Jahreszeiten, unterschiedlichen Pigmenten und Bindemittelsystemen hilft bei der Klärung, ob Strukturabweichungen auf innere Eigenschaften des Pigments oder auf die Überlagerung äußerer Umweltvariablen zurückzuführen sind.
Videomaterial zu einzelnen Schritten der Herstellung handgemachter Aquarellfarben und zum Verhalten der Pigmente ist bei VHacademy hinterlegt (einem unabhängigen Projekt zur Erforschung von Materialverhalten mit kostenpflichtigem Zugang).