Natürliche Farbentwicklung und die Dokumentation im VHaquarell-Farbarchiv

Victoria Hilbrecht

Farben in der Natur sind nicht nur ein direkter Ausdruck von Zeit und Wetter, sondern auch ein Objekt fortlaufender Beobachtung und Dokumentation. Im Laufe der vier Jahreszeiten, in der Erscheinung von Naturlandschaften und beim Herstellen von Pigmenten zeigen Farben eine reiche Dynamik und visuelle Struktur.

VHaquarell Farbtonkarte zur Dokumentation natürlicher Farbentwicklungen im Jahreslauf

1. Farbentwicklung im Wandel der Jahreszeiten

Frühling: Das Erscheinungsbild von Gelb und die Zunahme der Farbvielfalt

  • Austrieb und frühe Farben: Mit dem Wechsel der Jahreszeit zeigt sich Gelb meist als Erste. Die Blüten des Frühjahrs, frische Triebe und das Sonnenlicht bilden den Grundton dieser Phase. In Papier-Tests zeigt Lemon Yellow (VH1001) eine eiskalte, hochhelle und transparente Farbstufe; Real Yellow (VH1002) zeigt eine neutrale, reine Gelbsättigung; Indian Yellow (VH1003) offenbart im Übergang von dichtem Farbauftrag zu Verdünnung einen Verlauf von warmem Gelb bis hin zu leuchtendem Orangegelb.
  • Zunahme der Vielfalt: Mit steigenden Temperaturen kommen Orange und Rot hinzu. Blühende Blumen, frische Obstbäume und junge Zweige lassen das Gesamtbild immer vielschichtiger werden. So zeigen etwa Brilliant Orange (VH1004) und Cadmium Orange (VH1005) beim Vermalen mit Wasser einen klaren Stufenübergang von leuchtendem Kräftig-Orange zu sanftem Gelborange.
Objektive Farbdokumentation des VHaquarell Archivs basierend auf Naturbeobachtungen
Objektive Farbdokumentation des VHaquarell Archivs basierend auf Naturbeobachtungen

Sommer: Warme Farbtöne, Magenta und Abendviolett

  • Sättigung warmer Töne: Die Blüten, Früchte und das Sonnenlicht des Sommers setzen kräftige Orange- und Rottöne frei. Töne wie Cinnabar (VH2001), Scarlet (VH2002) und Real Red (VH2003) zeigen im nassen Farbauftrag reine und hochkonzentrierte Rottöne.
  • Magenta und Rosa: Viele Sommerblumen bewegen sich im Bereich zwischen Rot und Violett und bringen Magenta- und Rosatöne hervor. Fuchsia (VH3003), Magenta (VH3001) und Bordeaux Red (VH3002) zeigen einen fließenden Übergang von Rosa bis hin zu dunklem Purpurrot.
  • Licht und Abendviolett: In der Dämmerung lässt das wechselnde Licht den Himmel, die Berge und manche Blüten in violetten und blauvioletten Nuancen leuchten. Töne wie Ultra Violet (VH3005), Violet (VH3004) und Ultramarine Violet (VH3006) zeigen an den Rändern des Farbauftrags feine Entmischungsspuren von Blau und Violett.
Objektive Farbdokumentation des VHaquarell Archivs basierend auf Naturbeobachtungen
Objektive Farbdokumentation des VHaquarell Archivs basierend auf Naturbeobachtungen

Das Blau des Himmels und die Oberflächentextur

  • Die Entwicklung des Himmelsblaus: Der Frühlingshimmel wirkt leicht und transparent, während das Blau im Sommer dichter und tiefer erscheint. Auf den Farbproben zeigen Sky Blue (VH4002) und Real Blue (VH4001) eine glatte, klare Blaustufe ohne sichtbare Körnung; Turquoise (VH4004) weist dagegen einen deutlichen grünlichen Unterton auf.
  • Raumwirkung von Dunkelblau: In Seen, fernen Bergen, Schattenbereichen und in der Abenddämmerung finden sich häufig Dunkelblau und Blauviolett. Cobalt Blue (VH4008) und Ultramarine Blue (VH4005) lassen bei Verdünnung mit Wasser eine feine körnige Pigmentstruktur (Granulation) erkennen, während Prussian Blue (VH4006) eine stufenlose Skala von sehr dunklem bis zu hellem Blau bildet.
  • Oberfläche und Struktur: Der Wandel der Jahreszeiten zeigt sich auch auf den Oberflächen von Blättern, Felsen oder Baumrinden, die ganz eigene Muster und Texturen aufweisen.
Reihe von Aquarell-Farbkarten mit sichtbarer Pigmentgranulation und Untertönen
Reihe von Aquarell-Farbkarten mit sichtbarer Pigmentgranulation und Untertönen

Herbst: Übergangsgrün, Waldwandel und Erdtöne

  • Veränderung von Grün: Der Herbst beginnt mit dem Rückzug des Grüns. Das frische Maigrün verwandelt sich schrittweise in Übergangstöne zwischen Grün, Gelb und Grau. So zeigt Lime Green (VH5001) eine deutlich gelbstichige Grünstufe, während Bohemian Green (VH5007) und Light Olive Green (VH5008) ein gedecktes Olivengrün mit leichtem Graustich bilden.
  • Vielfalt der Wälder: Im Wald bleiben einige Pflanzen grün, während andere ihre Farbe wechseln; warme und kühle Grüntöne verbinden sich zu komplexen Mustern. Oxide Green (VH5004) zeigt hier ein ruhiges, kühles Grün.
Reihe von Aquarell-Farbkarten mit sichtbarer Pigmentgranulation und Untertönen
Farbproben der VH-Serie mit Dichteübergängen und Nass-in-Nass-Verläufen
  • Erdtöne und Erdfarben: Wenn das Laub fällt, treten Boden, Felsen und natürliche Materialien hervor. Gold Ocher (VH6001) zeigt ein sonnenbeschienenes Goldgelb, Pebble Ocher (VH6002) und French Ocher (VH6003) zeigen mineralische, graugelbe bis warmbraune Erdtöne, während Beige Pink (VH7001) eine sehr sanfte, pudrige Schlamm-Rosastufe bildet.
  • Roterden und die Farben des Verfalls: Spätherbstliche Blätter und Gesteinsschichten besitzen eine starke mineralische Anmutung. Bronze Ocher (VH6004) bringt bronzene Braunrottöne mit, English Red (VH6005) und Venetian Red (VH6006) lassen mit Wasser gelöst ruhige Roterden und Ziegelrottöne erkennen, während Caput Mortuum (VH7002) ein tiefes, an getrocknetes Blut erinnerndes Purpurbraun zeigt.
Farbproben der VH-Serie mit Dichteübergängen und Nass-in-Nass-Verläufen
Farbproben der VH-Serie mit Dichteübergängen und Nass-in-Nass-Verläufen

Winter: Neutrale Töne, niedrige Sättigung und klare Strukturen

  • Grau und Schwarz als Linienzeichnung: Wenn Blätter fallen und die Vegetation zurückweicht, zeigen nackte Äste, Bergfelsen und Schattenbereiche verschiedenste Grau- und Schwarzstufen. Diese dunklen Töne wirken unverdünnt (wie auf der Oberfläche der Napffarbe) nahezu gleich dunkel. Auf dem Papier zeigen sich bei Wasserzugabe jedoch deutliche Untertöne: Slate Gray Blue (VH8001) offenbart einen graublauen Unterton, Warm Grey (VH8003) zeigt ein erdiges Warmgrau, und Oxide Black (VH8002) bildet ein neutrales Reinschwarz.
  • Fortführung und Feinabstimmung von Braun: Die Brauntöne des Herbstes setzen sich im Winter mit geringerer Sättigung fort. Kahl gewordene Baumstämme und feuchte Erde finden sich im neutralen Dunkelbraun von Vandyke Brown (VH7003), im wärmeren Rehbraun von Fawn Brown (VH7004) sowie im kühlen, oliven-grauen Ton von Sepia Light (VH7005) wieder. Perylene Violet (VH3007) wirkt dick aufgetragen wie ein dunkles Braunviolett und entfaltet verdünnt einen schimmernden, dunklen Purpurton, der dem schwächeren Winterlicht standhält.
  • Gesamte visuelle Ruhe: Die knalligen Farben weichen zurück. Grau, Schwarz, Braun und die tiefen Naturtöne bilden ein klares, zurückhaltendes und strukturiertes Gesamtbild des Winters.
Farbproben der VH-Serie mit Dichteübergängen und Nass-in-Nass-Verläufen
VHaquarell Farbtonkarte zur Dokumentation natürlicher Farbentwicklungen im Jahreslauf
VHaquarell Farbtonkarte zur Dokumentation natürlicher Farbentwicklungen im Jahreslauf

2. Farbverhältnisse in der natürlichen Umwelt

  • Koexistenz in der Natur: Farben existieren in der Natur nie isoliert. An Küsten treffen das Blau des Meeres, das Beige des Sandes und das Hellblau des Himmels zusammen. Im Wald verflechten sich Dunkelgrün, Hellgrün, Braun und Grau; selbst eine einzelne Blüte besteht meist aus mehreren Farbschichten.
  • Jahreszeiten und Licht: Das zarte Grün und Blassgelb des Frühlings, das kräftige Blau-Grün des Sommers, das Goldgelb und Dunkelrot des Herbstes sowie das Graublau und Silberweiß des Winters existieren jeweils unter ganz bestimmten Licht- und Umweltbedingungen.
  • Visuelle Vertrautheit: Das Blau des Himmels, das Grün der Pflanzen, das Braun der Erde und das Gold des Sonnenlichts sind vertraute Farbverbindungen, die dem Auge eine natürliche Balance bieten.
  • Regionale Farbunterschiede: Jede Region hat ihre eigene Farbwelt – sei es das Blau-Weiß der Mittelmeerküste, das dunkle Grün skandinavischer Wälder, das leuchtende Herbstlaub in den Tälern oder das besondere Licht beim Sonnenuntergang am Meer.
VHaquarell Farbtonkarte zur Dokumentation natürlicher Farbentwicklungen im Jahreslauf

3. Die Pigmentherstellung bei VHaquarell und das Farbarchiv

  • Farbe als Objekt der Beobachtung: Im VHaquarell-Farbarchiv wird Farbe als etwas verstanden, das kontinuierlich beobachtet werden muss. Der Lichtwechsel im Tagesverlauf, die Jahreszeiten, das Altern des Materials, Nässe und Trockenheit verändern das visuelle Erscheinungsbild einer Farbe ständig.
  • Vergleichende Farbbeobachtung: Eine Farbe lässt sich nur im Vergleich mit ihrer Umgebung verstehen. Ein Gelb wird erst dadurch greifbar, dass es sich von umliegenden Gelb-, Orange- oder Grüntönen unterscheidet; ob ein Blau ins Violette, ins Grüne oder ins Erdige kippt, zeigt sich erst im Gesamtkontext. Das Farbarchiv dokumentiert diese sich ständig neu bildenden Beziehungen.
  • Farbe im Herstellungs-Prozess: Für VHaquarell zeigt die Farbe von der Rohstoffmischung über das Anreiben und Ruhen bis hin zur vollständigen Trocknung in jeder Phase ein anderes Gesicht. Das Herstellen selbst ist Teil des Beobachtens. Ist die Farbe fertig, wird sie auch in der späteren Anwendung weiter verglichen und dokumentiert.
  • Kontinuierliche Erweiterung des Archivs: Mit jeder neuen Farbe wächst das VHaquarell-Farbarchiv weiter. Auch Farben, die nicht mehr hergestellt werden, bleiben im Archiv erhalten und bilden einen festen Teil der Gesamtdokumentation.
  • Festhalten an objektiver Beobachtung: VHaquarell dokumentiert ausschließlich die Beobachtung selbst und die objektiven Farbveränderungen. Es gibt keine Nutzung oder Malweise vor. Der Raum für die eigene Interpretation bleibt vollständig beim Betrachter.
VHaquarell Farbtonkarte zur Dokumentation natürlicher Farbentwicklungen im Jahreslauf
Dokumentationshinweis: Video- und Bildmaterial zu Teilen des handwerklichen Herstellungsprozesses sowie zum spezifischen Verhalten der Pigmente werden im Rahmen von VHacademy aufbewahrt – einem unabhängigen Projekt zur Erforschung von Materialverhalten, das über einen kostenpflichtigen Zugang zugänglich ist.
Farbwelt und Nuancen: Die Übersicht aller handgefertigten Aquarellfarben sowie genaue Aufnahmen der einzelnen Farbnuancen sind auf der Website einsehbar und vergleichbar.
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